Tammo Trantow, Valentin Zhuber-Okrog, Rainer Rosegger, …

meinGraz

mobile memory, mobile history

Nominiert für den
Digital Sparks Award 2006

Inserat

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Inhaltliche Beschreibung

"meinGraz"

mobile memory – mobile history


Technologisch bedingte Möglichkeitsräume
Urbane Ballungszentren sind seit jeher ein Gemisch verschiedener, komplexer, ineinander verflochtener Strukturen, die einem permanenten Veränderungsprozess unterlegen sind. Durch die Ausbreitung virtueller Datenstrukturen in den letzten Dekaden ist es zu einer Vervielfältigung von Datenräumen - gleichzeitig eine Art virtueller Stadträume – gekommen. Im System Stadt werden unablässig neue Möglichkeits- und Erlebnisräume generiert. Aus diesem Grund muss von einem veränderten Verständnis der Raumwahrnehmung, einer sich neu entwickelnden öffentlichen und privaten Kommunikation, und einer dichteren Vernetzung von Subsystemen ausgegangen werden.

Die Buschtrommel der Technomaden
Die wohl einschlägigste Errungenschaft auf dem Kommunikationsmarkt der letzten Jahre ist, neben dem Internet, das Mobiltelefon. Es hat sowohl unser Rezeptions- und Kommunikationsverhalten, als auch unsere Raumwahrnehmung nachhaltig verändert und ist zum festen Bestandteil unserer Kommunikationskultur geworden. Das Mobiltelefon ist ein ständiger Begleiter, ein direkte Draht zur Welt, der uns ermöglicht unabhängig unseres Standortes ein Kommunikationsnetzwerk zu pflegen.

Virtuelle Techno-Strukturen und zivilgesellschaftliche Geschichtsschreibung
In dem Projekt "meinGraz" werden die BewohnerInnen und BesucherInnen von Graz angeregt via Handy einen Beitrag zum Thema: „mein Graz“ einzusenden. Das Handy wird in diesem Kontext nicht lediglich als Kommunikationsmittel zwischen Menschen betrachtet. In der Vernetzung der Menschen über die mobile Telefonie und deren Interaktionsmöglichkeiten, wird das Handy zum Dokumentationswerkzeug, durch das Prozesse aktiv mitgestaltet werden können. Abseits der offiziellen Dokumentation, in Form einer zivilgesellschaftlichen Geschichtsschreibung, nehmen sie an einem sich selbst entwickelnden Abbild der Stadt – ihrer Stadt - teil.

Die Aufforderung, einen persönlichen Beitrag an einem Dokumentationsprojekt zu leisten, läßt Passanten zu Handlenden werden. Es vollzieht sich ein Perspektivenwandel - weg vom passiven Betrachter, hin zum aktiven Gestalter. Die somit geförderte städtische Aneignungskultur wirkt Identität stiftend und Bewusstsein fördernd in Bezug auf Stadtteilidentitäten und die sozio-kulturellen Strukturen im gesamten Stadtraum. Zugleich werden die Grenzen vom Privatem und Öffentlichem neu gesetzt, sowie einzelne urbane Sozialräume überlagert und ineinander geführt.

"meinGraz" nutzt die bestehende technologische Infrastruktur der Mobiltelefonie – einem neuen virtuellen Stadtraum – um einen, in dieser Art einzigartigen, Möglichkeitsraum zu schaffen.

Die Gesamtheit der Beiträge stellen einen repräsentativen Querschnitt Grazer Befindlichkeit, Denkweise und Handlungsmuster dar. Sie werden im Internet publiziert und zur nachhaltigen Nutzung im Bild- und Tonarchiv des Landesmuseums aufgenommen. Zudem werden die Beiträge in einer Installation im Kunsthaus Graz der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Sie findet im Herbst während der Ausstellung M-Stadt statt.

Der Titel "meinGraz" hat ist einprägsam und vielschichtig. Er setzt sich aus zwei Wörtern zusammen, die sofort einen persönlichen Bezug herstellen und einen Fragenkomplex aufwerfen:
Was ist "mein Graz"?
Was darf ich als meines definieren?
Bin ich GrazerIn?

Diese Fragen nach Identität, Zugehörigkeit, Besitz und persönlicher Geschichte lösen einen Prozess der Reflexion aus, der es ermöglicht, individuelle Handlungs- und Denkmuster im Kontext einer gesamtstädtischen Geschichte und städtischer Struktur zu sehen.

Nutzen
Durch diesen Prozess wird ein spezifischer Nutzen für die Grazer BürgerInnen, im Sinne zivilgesellschaftlicher Konzepte, gestiftet:

- Identität stiftend (Förderung von Stadtteilidentitäten)
- Bewusstsein fördernd (Aufklärung über Stadtstrukturen und lokale Kulturen)
- Förderung einer städtischen Aneignungskultur (Auseinandersetzung mit dem eigenen Stadtteil)
- Förderung kulturelle Partizipation (Teilhabe an urbanen kulturellen Prozessen)

Der Stadtraum als Schnittstelle der Wissensvermittlung
Der Stadtraum wird als Schnittstelle der Wissensvermittlung benutzt um das Thema zu bewerben, und um den Bewohnern die Möglichkeit der Teilnahme zu geben. Die Bekanntmachung und Bewerbung von meinGraz läuft über Flyer, Plakate, Sticker und speziell geplanten Ereignissen.
Da die individuellen Aneignungskulturen und städtische Identifikation sehr stark vom sozialen Milieu geprägt sind, wird der Stadtraum in vier soziodemografische Gebiete eingeteilt. Die Einteilung dient der Möglichkeit der späteren, rückwirkenden Kontextualisierung und wissenschaftlichen Aufarbeitung der Beiträge.
In den soziodemografischen Gebieten werden sog. Memoryspots definiert. Memoryspots sind Identität stiftenden Orte wie Plätzen, neue Zentren oder die Innenstadt Zonen. Gemeinsames Merkmal ist ein hoher Bekanntheitsgrad und eine überdurchschnittliche Durchlaufzahl von Menschen.
Für die Teilnahme steht das Mobiltelefon zur Verfügung. Alle Memoryspots sind mit Telefonnummern ausgestattet. Über diese Nummern kann eine Geschichte zum Thema "meinGraz" angehört werden. Die Geschichte wird über einem Zeitraum von ca. 8 Wochen erzählt, und idealer Weise auch über einen Radiosender und eine regionale Tageszeitung publiziert. Über dieselben Nummern können auch SMS und MMS eingesandt werden. Zusätzlich wird die Möglichkeit geboten, eigene Geschichten über das Handy zu erzählen.

Installation "meinGraz"
Neben den Inhalten für die Medien-Lounge, also der im Netz abrufbaren Informationen und gesammelten Geschichten von „MeinGraz“, wird ab dem 30. September eine Installation als Teil der Ausstellung M Stadt eröffnet, die den BesucherInnen den täglich wechselnden, alternativen „Plan“ von „meinGraz“ zeigen wird. Die Installation befindet sich im Foyer des Kunsthauses, also im öffentlichen und der Stadt zugewandten Bereich, und ist als generative Bild-, Klang- und Textkomposition (MMS, Audio, SMS) konzipiert, deren zeitlicher Verlauf aus den Einsendezeitpunkten der Userdaten entsteht. Sie ist während der Gesamtdauer des steirischen herbst zu sehen und ist im Katalog der Ausstellung präsent. Es wird sich zeigen, ob auch BesucherInnen der Ausstellung direkt vor Ort zum Mitmachen angeregt werden.

Als metaphorisches Konzept für die Installation wurde die Bühne, in Anlehnung an die Goffmannschen Vorder- und Hinterbühnen gewählt.
„Erving Goffman beschreibt in seiner Bühnenmetapher die sozialpsychologische Differenzierung des Raums: Auf der Vorderbühne werden die auf das öffentliche Publikum bezogenen Rollen gespielt. Die Hinterbühne wird durch Wahrnehmungsgrenzen vom Publikumsbereich abgegrenzt und stellt damit einen eigenen, privaten Raum dar. So entstehen unterschiedliche Formen der Interaktion im Raum (vgl. Goffman 1966) [http://de.wikipedia.org/wiki/Erving_Goffman].
Die Vorderbühne beschreibt jegliche Form von Öffentlichkeit und die Hinterbühne die Bereiche des Privaten. Auf Grundlage der Verbreitung neuer Kommunikationstechnologien, wie dem Mobiltelefon und dem Internet, wurde in den letzten Jahren eine zunehmende Ausweitung des Öffentlichen, der Vorderbühne in goffmanscher Diktion, diskutiert.
Rainer Rosseger „MeinGraz“, 2005

Jedem soziodemographischen Bereich wird eine Projektionsfläche zur Verfügung stehen, die in einer „Kabine“ mit eigenem Eingang erreichbar ist. In den Kabinen werden in zeitlich komprimierter Weise die Beiträge aus dem jeweiligen soziodemographischen Bereich gezeigt Eine Stunde entspricht dabei zwei Minuten in der Installation. So werden beispielsweise alle Daten, die zwischen 9 und 10 Uhr im gesamten Zeitraum des Projekts eingesendet worden sind (MMS, SMS und Audio), hier verarbeitet. Je nach Menge der eingesendeten Beiträge entsteht so ein mehr oder weniger intensives Medienspektakel, welches sich in seiner Intensität kontinuierlich ändert.